Rassismus und Antisemitismus gibt´s auch hier in Österreich

Corona Mythen & Verschwörungserzählungen in Frage stellen: Ein Workshop Bericht.

Pausengespräche und Corona Mythen

In zahlreichen Pausengesprächen im Kommunikationsraum mit den Lehrlingen aus der Berufsschule für Gartenbau & Floristik war die Maßnahmen der Pandemie sowie die gesundheitlichen Folgen einer Covid Infektion großes Thema. Teilweise fühlten sich die Lehrlinge unwohl wenn Mitschüler:innen sich nicht an die Maskenregelungen hielten – andere wiederum fühlten sich unwohl wenn sie sich an die Maskenregelungen halten mussten. Auch die Pros & Contras einer Covid-19 Schutz Impfung standen immer wieder zur Diskussion. Dabei bedienten sich einige Lehrlinge in ihren Argumentationen gegen die Impfung nicht selten unterschiedlicher Corona-Mythen und Verschwörungserzählungen, was wiederum bei anderen Lehrlingen große Empörung und Unverständnis auslöste.

Andere berichteten von Personen aus dem familiären Umfeld, die sich von Fakten abgewendet haben und an Corona Mythen glaubten, was zu Frust bei betroffenen Lehrlingen führte. Es gab Lehrlinge, die ihr Unbehagen hinsichtlich der wöchentlichen Demos in der Wiener Innenstadt von Impfgegner:innen und der fehlenden Distanz innerhalb dieser Demonstrationen zur Rechtsradikalen Szene äußerten. Andere Schüler:innen wiederum äußerten Unbehagen aufgrund des „Lockdown für Ungeimpfte“ und der möglichen Impfpflicht. Einige Schüler:innen waren enttäuscht, dass im Unterricht die Pandemie und die gesellschaftlichen Folgen kaum thematisiert wurden, andere waren mittlerweile schon so übersättigt vom Thema, dass sie maximal ein Augenrollen dafür übrig hatten.

Der Workshop

Aus diesen vielen Gesprächen entstand die Idee den Workshop „Corona Mythen und Verschwörungserzählungen in Frage stellen“ im Rahmen der Jugendgesundheitskonferenz Donaustadt  ( https://de-de.facebook.com/Jugendgesundheitskonferenz ) durchzuführen. Dieser fand schließlich in Kooperation mit dem Verein queraum Kultur- und Sozialforschung (queraum.org) statt und wurde von Lena Anna Schoissengeyer konzipiert und mit einer Klasse aus dem 3.Lehrjahr durchgeführt.

Im Workshop wurde diskutiert, woran man eine Verschwörungserzählung erkennen kann, welche rhetorischen Strategien in Verschwörungserzählungen zur Anwendung kommen, dabei wurden Erfahrungen von Schüler:innen bzgl. Corona Mythen (bspw. im familiären Umfeld) aufgriffen und Tipps im Umgang damit zur Diskussion gestellt. Es wurde thematisiert, wie antisemitische Argumente durch Verschwörungserzählungen reproduziert werden und dabei auch die Differenzierung zwischen Kritik und Verschwörungserzählung aufgezeigt (siehe dazu: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/verschwoerungsmythen-und-antisemitismus/ ). Veranschaulicht wurde der Input anhand des Beispiels der US-Wahlen 2021 und der Verschwörungserzählungen, welche die Wahlniederlage Donald Trumps in Frage stellten und den Sturm auf das US Kapitol am 6.01.2021 zu legitimieren versuchten.

Kritisches Feedback eines Lehrlings

Ein Lehrling gab mir im Nachhinein während eines Pausengesprächs ein ausführliches und differenziertes Feedback. Darin kritisierte er, dass Verschwörungserzählungen im Workshop entlang der US-Wahlen 2021 veranschaulicht wurden. Der Lehrling meinte: „Ich versteh nicht, warum der Fokus im Workshop auf die USA gelegt wurde, wenn wir quasi vor der Haustür die gleichen Probleme haben. In Österreich ist es [in Bezug auf Verschwöhrungserzählungen] nicht wirklich anders.“ Ich erklärte ihm, dass der Fokus auf USA gesetzt wurde, weil viele Mitschüler:innen schon genug vom Thema Corona hätten. Deshalb versuchten wir, Spezifika von Verschwörungserzählungen entlang eines anderen (aktuellen) Beispiels zu veranschaulichen. Dagegen argumentierte der Lehrling: „Aber genau das ist das Problem generell. Das man das Problem [der Verschwörungserzählungen & Coronamythen] nicht wahrhaben will und darum den Fokus auf wo anders setzt. Das man nicht drüber spricht, weil alle genug davon haben, ist kein Argument. Weil ich hab auch genug davon, aber das Problem ist halt nicht einfach vorbei, nur weil ich mich nicht damit beschäftigen will. Z.B. die Demos [in Wien], wo jeden Samstag 40´000 Leute [gegen die Covid-Maßnahmen] durch ganz Wien ‚spazieren‘ und dann eine große Gruppe von rechtsradikalen Personen mit Banner und allem diese Demos anführen … und daraufhin sich andere nicht raus trauen, weil sie Angst haben attackiert zu werden. Das ist ja eigentlich ein Ausnahmezustand. Man kriegt das gar nicht mit, das da so viele Rechtradikale sind bei diesen Demos. Ich kann mir nicht vorstellen warum das so ignoriert wird. Und da dann weg zu schauen und im Workshop auf einen anderen Kontinent den Fokus legen versteh ich halt überhaupt nicht. Ich mein, der Workshop war nicht schlecht gemacht. Aber halt der Fokus war nicht passend. USA interessiert mich nicht wirklich. Drum hab ich mir jetzt nichts gemerkt. Verschwörungstheorien sind ja oft mit Antisemitismus verknüpft – Stichwort Rotschild – und das ist hier ein Problem. Rassismus und Antisemitismus gibts auch hier in Österreich. Ich würde mir wünschen, dass die Leute [aus der Klasse] drüber nachdenken.“

Die Workshopleiterin war über das Feedback sehr dankbar und hat es in die Konzeption weiterer Workshops einfließen lassen.

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