Vireal Reality – Der Park als (vireale) Nachbarschaft

Welche Bedeutung hat ein Park für Jugendliche?

Bei Gesprächen mit Jugendlichen, die öfters in einem Park angetroffen werden, hört man häufig Äußerungen wie „der Park ist für mich wie mein Wohnzimmer“ oder „ich wohne hier quasi“. Parknutzer*innen, die regelmäßig vor Ort sind, kennen sich teilweise untereinander und stehen in unterschiedlichen Beziehungen zueinander. Sie sind nur selten so anonym wie Passant*innen oder Personen, die den Park zufällig queren oder beispielsweise für ein Ausflugsziel nutzen. Aus diesem Grund stellt sich die Frage welche Bedeutung eigentlich ein Park für die Jugendlichen vor Ort hat.

Da ich mich im Rahmen meiner Masterarbeit vor zwei Jahren mit der Thematik der „virealen Nachbarschaft“ auseinandergesetzt habe, kam bei mir die Frage auf, ob ein Park für regelmäßige Nutzer*innen eine Art „vireale Nachbarschaft“ darstellt. Hierfür werden kurz die Begriffe „Virealität“ und „Nachbarschaft“ definiert um am Ende Rückschlüsse auf die Jugendarbeit ziehen zu können.

Was bedeutet „vireal“?

Das Internet gewinnt immer mehr an Bedeutung und Präsenz in unserem Alltag. Obwohl es bereits seit den 1970er Jahren existiert, führte insbesondere die Erweiterung des Web 1.0 zum Web 2.0 u. A. dazu, nicht nur Informationen aus dem Internet zu beziehen, sondern durch die Möglichkeit des gegenseitigen Austauschs soziale Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. Durch die ortsunabhängige rege Nutzung des Internet verschwimmen die Grenzen zwischen realem und virtuellem Raum zu einem „virealen“ Raum. (vgl. Theiner 2018: 3ff.)

Peter Weibel, ehemaliger Direktor des Instituts für Neue Medien in Frankfurt am Main, prägte den Begriff „vireal“ und appeliert an „ein Umdenken, weg von der dualistischen, realen und oder virtuellen Sicht, hin zu virealen Objekten, Zuständen und Erfahrungen.“ (INM: 1996: 12)

Was bedeutet „Nachbarschaft“?

Da sich mehrere Wissenschaftsdisziplinen mit der Nachbarschaftsforschung befassen, werden unterschiedliche Perspektiven eröffnet, was wiederum zu einer schwierigen begrifflichen Fassbarkeit des Begriffs „Nachbarschaft“ führt. Etymologisch lässt sich der Begriff „Nachbarschaft“ aus dem Mittelhochdeutschen auf „nahewonender Bauer“ zurückführen. (vgl. Hamm 1973: 13ff.) Im Mittelalter waren Nachbar*innen insbesondere bei Feuer oder der Versorgung von Frischwasser zu gegenseitiger Hilfeleistung verpflichtet. Als diese Aufgaben im 19. Jhd. nach der Industrialisierung von der Feuerwehr und den Wasserwerken übernommen wurden, konnten sich soziale Beziehungen nun auf einer anderen Basis entwickeln, da die gegenseitige Beziehung zwischen den Nachbar*innen nun frei wähl- und gestaltbar wurde. (vgl. Häußermann/Siebel 2004: 110f)

Christian Reutlinger, Steve Stiehler und Eva Lingg (2015) versuchen aufzuzeigen wie „Nachbarschaft“ heute diskutiert wird indem sie aktuelle Nachbarschaftsprojekte und Nachbarschaftsformen untersuchen. Dabei zeigt sich, dass bei der Gestaltung des individuellen Lebens auf Ressourcen der Gemeinschaft zurückgegriffen werden kann. Gemeinschaften werden demzufolge mehr aus Nutzungsüberlegungen als aus ideellen Wertvorstellungen konstruiert.  

Die Zugehörigkeit an einen Ort oder zu einer Nachbarschaft eröffnet die Möglichkeit, dass Personen für die Verwirklichung ihrer individuellen Projekte auf Vorzüge der Gemeinschaft zugreifen können. Nachbarschaft bietet sich als Beziehungsform an, um Gemeinschaft aus individuellem Nutzenkalkül entstehen zu lassen und organisiert sich heute vorwiegend über soziale Nähe. (vgl. Reutlinger/Stiehler/Lingg 2015: 59ff.)

Was bedeutet das für die Jugendarbeit?

Wir alle leben in virealen Nachbarschaften, da Virtualität mittlerweile Teil unserer Realität ist und Nachbarschaft nicht mehr nur in geografischer Nähe zum Wohnort zu sehen ist. Jugendliche können sich somit – unabhängig von ihrem Wohnort – einen Park, in dem sie häufig sind, als Nachbarschaft aneignen und konstruieren. Somit hat dieser Park für sie eine ganz andere Bedeutung und einen anderen Stellenwert als beispielsweise für Passant*innen.

Eine weitere Konsequenz für die Jugendarbeit ist, dass lebensweltorientierte Jugendarbeit die Notwendigkeit der Verbindung von virtuellem und realem Raum voraussetzt, um dem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Demzufolge bedarf es für die professionelle Arbeit eben nicht nur mehr Skills und Methoden der „digitalen Jugendarbeit“, sondern komplementär dazu die aufgezeigte Perspektive einer „virealen Jugendarbeit“, welche diese Lebensrealitäten junger Menschen verbindet und letztlich zu einer besseren Analyse sozialräumlicher Zusammenhänge und somit adäquateren Interventionen und Angeboten führt.

Barbara Theiner
Verein Balu&Du
Kontakt:

Quellenverzeichnis:

Häußermann, Hartmut/Siebel, Walter (2004): Stadtsoziologie. Eine Einführung. Unter Mitarbeit von Jens Wurtzbacher, Frankfurt/New York: Campus Verlag.

Hamm, Bernd (1973): Betrifft: Nachbarschaft. Verständigung über Inhalt und Gebrauch eines vieldeutigen Begriffs. Düsseldorf, Basel: Bertelsmann; Birkhäuser (Bauweltfundamente, 40).

INM – Institut für Neue Medien (1996): partition 95-98. Erstellt 1996. http://www.inm.de/fileupload/dateien/Folder_1995-98_600dpi_1-14.pdf (19.11.2020)

Reutlinger, Christian/Stiehler, Steve/Lingg, Eva (Hg.) (2015): Soziale Nachbarschaften. Geschichte, Grundlagen, Perspektiven. Wiesbaden: Springer VS (=Sozialraumforschung und Sozialraumarbeit, 10).

Theiner Barbara (2018): Vireale Nachbarschaften. Online-Nachbarschaftsvernetzung in Wien am Beispiel zweier Internetplattformen. Fachhochschule Campus Wien: Masterarbeit.

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