Können Jugendliche mitbestimmen, wer im Jugendtreff arbeitet? Ein Erfahrungsbericht.

Personalauswahl in der offenen Jugendarbeit ist immer eine komplizierte Sache. Jede*r Bewerbende bringt unterschiedliche Kompetenzen, Stärken und Schwächen mit. Manche verstehen sich viel besser mit Jugendlichen als mit Kindern, manche kommen bei bestimmten Cliquen besser an, manche passen einfach nicht in die vorhandene Teamkonstellation. In den meisten Einrichtungen und Fällen entscheidet die Teamleitung oder die Personalabteilung, wer die Stelle bekommt. Es ist mittlerweile allerdings auch ein üblicher Vorgang, dass die Teammitglieder ein Mitspracherecht haben, weil sie selbst wohl am besten einschätzen können, mit wem die Zusammenarbeit gut funktionieren würde.

Diese Möglichkeit hat die Zielgruppe meistens nicht. Es ist ja nicht machbar, hunderte Kinder und Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Präferenzen mitbestimmen zu lassen, oder? Es geht aber schlussendlich um sie. Wie könnte es also funktionieren, dass die Jugendlichen zumindest ihre Meinung äußern, welcher Kandidat* oder welche Kandidatin* geeignet wäre? Diese Frage beschäftigt das Team von JUVIVO.21 seit langer Zeit. Der Anlass, etwas Neues auszuprobieren, war eine Karenzstelle im letzten Herbst, die nachbesetzt werden sollte. Das übliche Vorgehen war bisher, dass die Kandidat*innen von der Teamleitung und der pädagogischen Leitung vorselektiert werden, und die zwei bis drei Finalist*innen zum Team, eventuell zu einem Probebetrieb eingeladen werden, bei dem sich die Teammitglieder ihre Meinung zu der Person bilden können. Dieses Modell haben wir dann ein wenig modifiziert.

Nachdem wir eine Vorauswahl getroffen haben, teilten wir ein paar Tage im Vorhinein, den Jugendlichen mit, dass ein Probebetrieb mit Kandidat*innen stattfinden würde und sie auch ihre Meinung äußern können, wenn sie wollen. Es wurde ein kleines Programm – Palatschinken kochen – vorbereitet. Die Jugendlichen sollten aber auch wissen, dass sie nicht entscheiden müssten und daher auch keine Verantwortung tragen würden – die Verantwortung sollte im Endeffekt nach wie vor bei dem Einrichtungsleiter liegen. Jugendliche hätten aber die Möglichkeit, ähnlich wie die Teammitglieder, ihre Meinungen zu äußern, denn diese ist wertvoll und wichtig für uns –  sodass sie auch in unsere Entscheidung mit einfließen wird.

Am Probetag waren viele Jugendliche im Jugendtreff, hauptsächlich ab 16, was für JUVIVO.21 üblich ist. Beide Bewerbende hatten die Möglichkeit, eine Stunde mit den Jugendlichen zu verbringen und gemeinsam Palatschinken zu kochen.

Während des Probebetriebs sind manche Jugendliche zu uns gekommen und haben uns ihre Kommentare zugeflüstert. Die waren, wie erwartet, eher zum Aussehen der Person, wie „Ja, nehmt diese Person, die ist fescher!“ War es doch keine gute Idee, die Jugendlichen in die Entscheidung einzubeziehen? Sind sie nicht reif genug für so was? Die anfängliche Skepsis wurde in der Nachbesprechung entkräftet. Diese war in der Form eines offenen Forums. Die, die während des Probebetriebs eher überflüssige Kommentare gemacht haben, haben angefangen gute Argumente zu bringen. Sie haben damit argumentiert, dass ein*e Bewerbende*r, obwohl sehr nett und freundlich, sich bei einer Burschenclique, die gerade nicht anwesend war, nicht gut durchsetzen könnte, weil sie*er eher zurückhaltend wäre; oder dass der*die andere zu viele Fragen gestellt hat, was bei manchen aufdringlich ankommen könnte usw. Ihre Argumente waren sehr plausibel und gut begründet. Jugendliche haben sich die Kandidat*innen in unterschiedlichen Situationen (u. a. in Stresssituationen) mit unterschiedlichen Cliquen vorgestellt und beurteilt, welche*r Kandidat*in bei welchem Programm vom Jugendtreff mehr anzubieten hätte. Sie haben auch überlegt, welche Person besser in das Team passen würde. Diese Argumente haben uns die Entscheidung maßgeblich erleichtert.

Für uns steht es fest: Es war richtig Jugendliche einzubeziehen. Sie haben dadurch den Prozess miterlebt, mitgewirkt und die Strukturen des Jugendtreffs besser durchschaut. Sie konnten zusätzlich gute Erfahrungen für das Berufsleben gewinnen und einen Einblick in die Personalauswahlprozesse bekommen. Es wurde sogar Mitgefühl für den Einrichtungsleiter geäußert, der eine solch schwere Entscheidung im Endeffekt treffen muss.

Auch wir haben viel gelernt. Es war erleichternd zu wissen, dass die Jugendlichen uns gut kennen – mit unseren Stärken und Schwächen – und sich hierbei emphatisch zeigen bzw. sich in uns und unsere Entscheidungen hineinversetzen können.  Unsere Besucher*innen haben eigene Erwartungen und wissen, dass diese für uns wichtig sind. Schließlich ist allen noch einmal klar geworden, dass „das Team“ nicht nur aus dem Betreuungsteam besteht, sondern alle Beteiligten des Jugendtreffs miteinschließt.

Sertan Batur
Verein JUVIVO.21
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