In unseren Worten

Das Mädchenprojekt des Kinder- Jugend- und Familienzentrums friends ist ein ganz besonderer Raum. Hier treffen Mädchen im Alter von 12-21 aus unterschiedlichsten Kontexten zusammen. Gemeinsam teilen sie, wenn es Covid-bedingt möglich ist auch physisch, ihre Zeit und schaffen einen Raum der Solidarität, des Austausches, des Zusammenhalts.

Wie alles begann.

Die Idee zu diesem Buch stammt von einer jungen, sehr mutigen Frau aus dem besagten Mädchenprojekt, die sich gemeinsam mit ihrer Familie über viele Jahre hinweg im Asylverfahren befand. Immer wieder erzählte sie von der Wut und Angst, die mit jedem Asylverfahren verbunden sind.

„Weiß eigentlich irgendjemand, was wir durchmachen? Was meine Familie schon durchgemacht hat? Wir warten. Warten, ob wir Asyl bekommen. Warten, ob wir zurückmüssen. Die Politik hat eine bestimmte Vorstellung davon, wie ‚Flüchtlinge‘ sind. Sie sehen alle als Eindringlinge. Als Menschen, die anderen etwas wegnehmen wollen.“

„Was möchtest du tun?“, fragten wir sie.

„Ich will einmal meine eigene Geschichte selbst erzählen. Am liebsten dem ganzen Parlament und allen Menschen auf der Straße. Das würde vielleicht endlich das Bild ändern, das Menschen in Österreich über Geflüchtete haben. Niemand hört den Menschen zu, die wirklich flüchten müssen. Und schon gar niemand hört einer Frau zu, die ihre Fluchtgeschichte erzählt. Es müssen mehr Bücher zum Thema geschrieben werden.“

Heute ist diese junge Frau eine der Autorinnen dieses Buches. Sie war es, die die zündende Idee hatte und den Weg dazu bereitete, dass in einem einzelnen Buch so viele unterschiedliche Lebensgeschichten zusammengekommen sind.

Schreibworkshops

Grundidee war es also, ein generationenübergreifendes Werk zu schaffen, in dem Frauen und Mädchen unterschiedlicher Herkunft und Religion sich in Schreibworkshops ihre Geschichten erzählen. Die Schreibworkshops wurden von den Vereinen Hemayat und Sprach-Raum geleitet, deren Mitarbeiterinnen einen sicheren Raum schufen und therapeutische Unterstützung beim Bearbeiten der eigenen Biographien boten. Es waren wunderbare Wochenenden im Sommer 2020 an denen Mütter, Töchter, Cousinen, Freundinnen und bisher Unbekannte aufeinander trafen und erkannten, egal wie unterschiedlich sie zuerst scheinen mögen, durch alle Geschichten zieht sich ein roter Faden: Solidarität, Freundschaft, der Umgang mit der eigenen Identität und Alltagsrassismen, vor allem aber die geteilte Hoffnung. Hoffnung auf ein besseres Leben, für sich, für die Kinder, Geschwister oder Eltern. Der Wunsch, dass alles gut wird, ist die treibende Kraft mit der sich die Geschichten erheben und sichtbar machen, wie viele Baustellen es noch in unserer Gesellschaft gibt und wie diese wahrgenommen werden.

Protagonistinnen

In diesem Buch kommen insgesamt 24 Autorinnen unterschiedlichen Alters zu Wort. Sie und/oder ihre Familien stammen unter anderem aus Bosnien und Herzegowina, Pakistan, dem Irak, der DDR, dem Iran, Kurdistan, der Slowakei, Syrien, Tunesien, Afghanistan, Albanien, Israel, Georgien, Russland oder Ägypten. Fast alle von ihnen leben heute in Wien. Ihre Lebenswelten sind mindestens so unterschiedlich und vielseitig wie ihre jeweiligen Texte und Geschichten. Es erzählen unter anderem Schülerinnen, Starkstromtechnikerinnen, Studentinnen, Politikerinnen, Pädagoginnen, Physikerinnen, (Lebens-) Künstlerinnen, unbezahlte Haushaltsarbeiterinnen, Lehrlinge und Journalistinnen. Besonders das Aufeinandertreffen und gemeinsame Arbeiten von Jugendlichen und Politikerinnen und/oder politischen Aktivistinnen bot eine besondere Chance für die Beteiligten aus diesen Begegnungen neuen Mut zu schöpfen und einmal mehr hervorzuheben, wie wichtig auch die politische Auseinandersetzung mit Frauen, deren und allgemein Fluchtgeschichten und der stetige Diskurs darüber ist. Dass die Worte der Jugendlichen letztlich tatsächlich im Parlament Gehör fanden und politisch weitergetragen wurden, erfüllte besonders jener Jugendlichen, die die ursprüngliche Idee zum Buch hatte, einen lange ersehnten Wunsch.

Aufführung

Das Buch wurde nach dem Erscheinen im Herbst 2021 zu einer szenischen Lesung inszeniert, die sowohl von vier professionellen Schauspielerinnen als auch von Autorinnen und  jugendlichen Mädchen aufgeführt wurde. Dabei waren die Mädchen partizipativ an den Proben, der Textauswahl, der Dramaturgie und Inszenierung beteiligt und haben im Anschluss mit einer unglaublichen Begeisterung eine Podiumsdiskussion mit Politikerinnen, Aktivistinnen, Psychotherapeutinnen und Autorinnen des Buches geleitet. Dieser große Abend im Dschungel Wien – Theaterhaus für junges Publikum war ein sehr kraftvoller Abschluss des Projektes. Schließlich standen jene selbst im Mittelpunkt, die von der Gesellschaft so oft an den Rand gedrängt werden.

Wie geht es weiter?

Jede der teilnehmenden Mädchen und Frauen hat sich nicht nur mit einem Haufen Arbeit, Gefühlen und Wörtern an diesem Projekt beteiligt. Sie alle schöpften aus der Erfahrung des gemeinsamen literarischen Arbeitens Kraft, Neues zu probieren und nicht aufzugeben.

Aus den Rückmeldungen der Jugendlichen, aber auch der anderen Autorinnen, geht heute klar hervor, wie gestärkt sich alle fühlen, weil sie gemeinsam an diesem Projekt gearbeitet haben. Und weil es heute so viele andere Menschen gibt, die ihre Geschichten hören, lesen und weitertragen. Letztlich ist es genau das, was feministische Jugendarbeit in Zeiten wie diesen ermöglichen kann und soll.

von Katharina Gerstmayr

Kinder-, Jugend- und Familienzentrum friends

Kinderfreunde Leopoldstadt

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