Elternarbeit in der offenen Kinder- und Jugendarbeit? Ein kontroverses Thema.

Meine Erfahrungen in der Kinder- und Jugendarbeit, aber auch im privaten Kontext waren Anlass für mich, ein Konzept zu Elternarbeit zu schreiben. Ich habe erlebt, dass Eltern aufgrund diverser Umstände nicht wussten, was sie tun sollten, um ihre Kinder bestmöglich zu unterstützen. Das betrifft unter anderem Entscheidungen zur Schullaufbahn: Wenn Eltern zum Beispiel mitgeteilt wird, dass ihr Kind in die Sonderschule kommt, diese aber gar nicht einschätzen können, welche Konsequenzen dies für ihre Kinder haben wird – und dennoch ihr Okay geben.

Elternarbeit wird im Kontext Jugendarbeit kontrovers gesehen, da sie vermeintlich unsere Parteilichkeit mit Kindern und Jugendlichen gefährden kann. Einige Jugendeinrichtungen haben deshalb ganz klar: Für Eltern fühlen wir uns nicht zuständig und bemühen uns nicht um sie. Ich möchte eine von vielen Geschichten teilen, die mich dazu bewegt hat, den Vorteil von Elternarbeit für die Unterstützung der Zielgruppen von Offener Kinder- und Jugendarbeit zu erkennen.

Es war an einem Freitag, wir hatten Kinderbetrieb „Kreativ Kids“ und es waren viele Kinder da, darunter auch Lorida, die ich bereits seit längerem kannte. Sie war normalerweise ein spielfreudiges und gesprächiges Kind. An diesem Tag aber stand sie reglos und mit verschränkten Armen da, sie wirkte traurig und gekränkt. Offensichtlich beschäftigte sie etwas und ich las ihre Blicke in meine Richtung wie einen Hilferuf: „Bitte frag mich, was los ist…!“ Ich sprach sie also an und fragte nach. Ich kann mich an ihre ersten Worte noch sehr gut erinnern: „Ich will ins Gymnasium, aber meine Lehrerin sagt, ich schaffe es nicht!“.

Sie jedoch war überzeugt, dass sie ins Gymnasium wollte. Sie wüsste zwar auch nicht, ob sie es schaffen konnte, aber sie wollte es versuchen. Wir führten über die nächsten Wochen immer wieder ähnliche Gespräche. Wegen der Einschätzungen ihrer Lehrerin und ihrer Eltern hatte sie immer weniger Selbstvertrauen und zweifelte zunehmend, ob sie es schaffen könne, obwohl sie es unbedingt wollte. Deshalb bot ich ihr an, mit ihrer Lehrerin und den Eltern zu sprechen

Ich habe sie darin bestärkt, dass es zuerst einmal wichtig ist, was sie selber will. Ich vermittelte ihr, dass ich ohne ihre Zustimmung kein Gespräch führen werde, woraufhin sie es sich überlegen wollte. Nachdem sie Vertrauen gefasst hatte, bat sie mich, mit ihren Eltern und der Lehrerin zu sprechen. Ich rief als erstes die Eltern an, während Lorida neben mir stand. Sie konnten meine Argumente gut nachvollziehen und verstanden, wie wichtig es für Lorida war und welche Rolle der Besuch des Gymnasiums für ihre Entfaltung und Entwicklung spielen würde. Sie baten mich daraufhin auch, mit der Lehrerin darüber zu reden.

Dann rief ich also die Lehrerin an. Sie begründete ihre Entscheidung damit, dass Lorida in manchen Fächern schlecht sei, obwohl ihr Notendurchschnitt gut war und dass ihr intellektuelles Niveau nicht für ein Gymnasium reiche. Die Lehrerin war gekränkt, dass ich ihre Entscheidung in Frage stellte und versuchte mich zu überzeugen, dass Lorida es nicht schaffen werde. Nach mehreren Telefonaten mit der Lehrerin vereinbarten wir, dass sie ein weiteres Gespräch mit Lorida führen würde. Nach diesem Gespräch gab sie dann ihre Einwilligung und sprach eine Empfehlung für einen Besuch des Gymnasiums aus.

Vielleicht hat die Lehrerin erkannt, dass sie ihre Entscheidung auf Basis von Vorurteilen getroffen hat – auf jeden Fall hat Lorida sie mit meiner Unterstützung überzeugt, dass sie selbst viel Motivation für´s Gymnasium aufbringen wird. Ich unterstützte Lorida und ihre Eltern noch bei der Suche nach einem Gymnasium, wo sie sich auch nach der offiziellen Einschreibefrist noch anmelden konnte und begleitete sie weiteren bürokratischen Schritten.

Lorida ist jetzt seit einigen Jahren im Gymnasium, sie besucht gerade die 5. Klasse. Wenn sie JUVIVO besucht, erzählt sie, dass es zwar nicht einfach für sie ist, sie es aber genießt, das Gymnasium zu besuchen. Sie ist sehr stolz und freudig, wenn sie erzählt und es wird deutlich, dass ihr Selbstbewusstsein dadurch gestärkt wurde. Lorida hat also ihre Chance bekommen, die alle Kinder verdienen: Die bestmögliche Unterstützung, um einen Weg einzuschlagen, der ihnen ein gutes Leben ermöglicht.

Kinder aus sozio-ökonomisch benachteiligten oder bildungsferneren Familien brauchen in Österreich und in Wien nach wie vor mehr Unterstützung, um andere Wege zu beschreiten – eine Unterstützung, die ihre Eltern und Familien allein oft nicht leisten können. An dieser Stelle ist es sinnvoll und wichtig, als Jugendarbeiter*in mit dem Familiensystem zu arbeiten und alle ins Boot zu holen, damit Steine aus dem Weg geräumt werden können. Ich kenne mittlerweile einige Kinder, die es mithilfe von Jugendarbeiter*innen geschafft haben, hier in Österreich Richter*innen oder Ärzt*innen zu werden, also Bildungswege zu meistern, die bekannterweise sehr herausfordernd sind.

Meiner Einschätzung nach wäre es im Fall von Lorida besser gewesen, wenn alle Beteiligten, also Eltern, Lehrerin, Lorida und ich als Jugendarbeiter, der parteilich für Lorida ist, in einer gemeinsamen Besprechung eine Lösung gesucht hätten. In dieser Situation war der Weg mittels Einzelgesprächen aber auch zielführend. Um also in Zukunft professionell parteilich für die Interessen und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen mit Eltern und anderen (erwachsenen) Bezugspersonen zu arbeiten, habe ich nach unzähligen Diskussionsprozessen mit meinem Team von JUVIVO.15 und unserer Teamleitung ein Konzept ausgearbeitet, in dem Vorteile beleuchtet und Methoden beschrieben werden.

Im Konzept zur Zusammenarbeit mit Eltern, Erziehungsberechtigten und anderen Bezugspersonen wird kurz die Ausgangslage beschrieben sowie die Grundlagen dieser Zusammenarbeit dargelegt. Das Konzept steht als pdf zur Verfügung. 

Lorida hat vor kurzem wieder mal JUVIVO besucht und bezieht sich noch immer positiv auf die Unterstützung, die sie erfahren hat: „Ich war verzweifelt und traurig, dann hast du mit meinen Eltern und meiner Lehrerin geredet, sie überzeugt und mich motiviert! Jetzt komme ich in die 6. Klasse und dann in 2 Jahren habe ich die Matura…“

Wer neugierig geworden ist, kann sich hier meine Überlegungen zum Thema Elternarbeit in der OKJA ausführlicher durchlesen: Konzept für die Zusammenarbeit mit Eltern, Erziehungsberechtigten und anderen Bezugspersonen in der offenen und aufsuchenden Kinder- und Jugendarbeit

Ayhan Koldaş

JUVIVO.15

www.juvivo.at

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